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Unser Strom ist noch viel zu billig

erschienen im Greenpeace Blog am 01.10.2012

Die zentralen Botschaften zur Energiewende der letzten Monate sind eindeutig: Erneuerbare Energien machen angeblich unseren Strom unbezahlbar. Die Energiewende können wir uns kaum mehr leisten und gefühlte 90 Prozent der Deutschen stehen daher schon kurz vor der Privatinsolvenz. In der realen Welt geben allerdings nicht wenige mehr fürs Handy aus als für die Stromrechnung, Ökostromumlage und Steuern inklusive. Stromsparen und Klimaschutz? Fehlanzeige. Dafür ist unser Strom dann einfach doch noch viel zu billig.

Stromkosten Die Energie­wende ist ins Stocken geraten. Nachdem im Früh­jahr 2011 noch voll­mundig die Energie­wende ver­sprochen wurde, versucht die Politik derzeit das Tempo beim Ausbau der Solar- und Windenergie zu reduzieren. Teile der FDP und des CDU-Wirtschaftsflügels würden den Ausbau der erneuerbaren Energien an Land am liebsten sogar ganz unterbinden.

Das wesentliche Argument gegen einen weiteren schnellen Ausbau der Solar- und Windenergie sind die Stromkosten, die durch einen ungebremsten Zubau angeblich auf unzumutbare Höhen klettern würden. Die meisten werden sicher zustimmen, dass unsere Strompreise bereits heute zu hoch sind. Aber Moment mal: Wissen Sie aus dem Stehgreif, wie viel Euro Sie für Ihre Stromrechnung bezahlen? Wenn nein, sind Sie in guter Gesellschaft. Bei verschiedenen Umfragen konnte eine Mehrheit diese Frage nicht beantworten. Auch die Höhe des eigenen Stromverbrauchs ist vielen unbekannt. Über ihren Telefontarif können hingegen wesentlich mehr eine korrekte Antwort geben.

Rund 1700 Kilowattstunden an Haushaltsstrom verbraucht ein Bundesbürger im Schnitt pro Jahr. Bei einem Strompreis von rund 26 Cent pro Kilowattstunde kommen so etwa 440 Euro pro Jahr (oder 37 Euro pro Monat) zusammen. Die Unterschiede sind dabei erheblich. Manche kommen mit einem Drittel über die Runden, andere benötigen gar das Dreifache. Zugegeben, wirklich billig ist der Strom in Deutschland nicht. Andererseits ist er noch so preiswert, dass die Stromkosten die meisten nicht wirklich tangieren. Das erklärt auch, warum Glühbirnen kurz vor dem Verbot durch die EU sich noch zu reinen Verkaufsschlagern entwickelten, stromsparende Geräte oftmals Ladenhüter bleiben und nicht benötigte Elektrogeräte auch gerne mal unnötig ihren Dienst verrichten oder im Standby die Rechnung nach oben treiben. Wer von uns macht schon immer das Licht aus, wenn er einen Raum verlässt, wer räumt eigentlich vor dem Urlaub den Kühl- und Gefrierschrank aus und wer zieht gar sein Handy oder Laptopkabel immer direkt nach dem Gebrauch aus der Steckdose? Hand aufs Herz: Wir haben in Deutschland ganz andere Prioritäten als über Stromsparen die Stromkosten zu senken.

Für einen Handyvertrag inklusive dem neuen iPhone5 kann man pro Jahr beispielsweise bis zu dem Doppelten der Durchschnittstromkosten berappen. Wenn sie wählen könnten, würden einige lieber auf den Stromanschluss als auf das Smartphone verzichten. Bliebe allerdings die Frage, wie man den leeren Akku am nächsten Tag wieder aufladen möchte. Vielen ist allerdings nicht nur egal, was der Strom kostet, sondern auch woher er kommt. Das erklärt auch, warum es inzwischen in Deutschland mehr iPhone-Besitzer als Kunden eines grünen Stromanbieters gibt.

Nachdem das Reaktorunglück in Fukushima schon über ein Jahr her ist und die katastrophalen Folgen eines ungebremsten Klimawandels für Viele noch weit weg sind, hat das Projekt Energiewende an öffentlichem Interesse verloren. Über das Kostenargument versuchen nun die durch die Energiewende in Bedrängnis geratenen Vertreter der fossilen und nuklearen Energien die erneuerbaren Energien madig zu machen. Ihnen kommt entgegen, dass die EEG-Umlage angeblich hieb- und stichfeste Zahlen zu den Kosten der Energiewende liefert. Dass derzeit vor allem enorme Subventionen der Industrie die Umlage nach oben treiben und Kostensenkungen an andere Stelle nicht weitergegeben werden, ist dabei sehr willkommen. Die meisten Stromkunden können die Berechnungen sowieso nicht nachvollziehen. Und die Strategie scheint aufzugehen. Um den vermeintlich teuren Ausbau erneuerbarer Energien zu drosseln, sind wir sogar bereit dieses Feld der Zukunftsenergien kampflos an China abzugeben. Die geplanten Zubauzahlen im Reich der Mitte lassen einen hierzulande schwindelig werden, während wir in Deutschland reihenweise Solarfabriken schließen und auch der Windbranche nun Ähnliches droht.

Bleibt die Frage, ob steigende Stromkosten überhaupt dramatisch sind. Was würde eigentlich passieren, wenn die Stromkosten kurzfristig um die Hälfte steigen und wir das zusätzliche Geld tatsächlich in eine schnelle Energiewende und nicht in weitere Entlastungen der Industrie investieren? Strom wäre immer noch billiger als das Telefonieren mit einem iPhone. Für die Haushalte, die wirklich mit der Finanzierung ihrer Stromrechnung ein Problem bekommen, ließe sich mit den Einnahmen eine faire Entlastung finanzieren. Wir könnten in Deutschland eine kohlendioxidfreie Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Energien in weniger als 20 Jahren realisieren. Deutschland bliebe Vorreiter bei den Zukunftstechnologien, wodurch unser Wohlstand für die nächsten Jahrzehnte gesichert wäre. Wir müssten auch nicht mehr ganze Dörfer und Landstriche dem Braunkohletagebau opfern. Durch die Innovationen im Strombereich würde auch eine regenerative Wärmeversorgung und die Elektromobilität recht bald Realität werden. Wir würden zunehmend unabhängig von Energieimporten und steigende Öl-, Gas- und Benzinpreise würden uns nicht mehr tangieren. Mit einer gelungenen und abgeschlossenen Energiewende wären wir Vorbild für den Rest der Welt, die globale Erwärmung würde sich auf gerade noch vertretbare Werte stabilisieren und wir würden unseren Kindern einen lebenswerten Planten hinterlassen. Weltweit würde man uns auf die Schulter klopfen und als ewig nörgelnde Deutsche dürften wir endlich mal wieder Stolz auf unser Land sein. Warum fordert eigentlich keine Partei in Deutschland höhere Strompreise? Ich würde sie glatt wählen.

Volker Quaschning


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