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Wo bleibt der Klima­schutz?

Sonne Wind & Wärme
erschienen in Sonne Wind & Wärme 13/2011 S.10-14

In den letzten Monaten jagte eine Energie­revolution die nächste. Nun ist die Energie­wende beschlossene Sache. Das aktuelle Konzept versucht dennoch, die Marktposition der großen Energieversorger zu stützen. Der Klimaschutz könnte auf der Strecke bleiben.

Wo bleibt der Klimaschutz?

Seit dem 30. Juni ist die Energie­wende amtlich. Genauer gesagt: Der Bundesrat hat die Änderung des Atom­gesetzes und die Neu­regelung der Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bestätigt. Im neuen Atomgesetz ist für alle deutschen Kernkraftwerke ein Datum festgelegt, bis zu dem sie maximal betrieben werden dürfen. Damit ist der Ausstieg aus der Kernenergienutzung beschlossene Sache – zumindest solange dieses Gesetz nicht wieder einmal geändert wird. Nachdem vor wenigen Monaten die Kernenergie im Energiekonzept der deutschen Bundesregierung noch als unverzichtbare Brückentechnologie für die nächsten Jahrzehnte galt, sollen wir nun spätestens im Jahr 2023 ganz ohne auskommen. Österreich war beim Kernenergieverzicht gründlicher: Dort hat dieser bereits seit 1999 Verfassungsrang.

Nebensache Klimawandel

Im Zuge der Ereignisse von Fukushima ist ein ganz anderes Problem nahezu komplett von der Tagesordnung verschwunden: Der Klimawandel. Dabei torkeln wir von einem Treibhausgasrekord zum nächsten. 2010 war das Jahr mit den bislang höchsten energiebedingten Kohlendioxidemissionen überhaupt. Das Jahr 2011 schickt sich jetzt schon an, das Rekordjahr 2010 erneut zu überholen. Die Klimaforscher streiten aktuell darüber, wie stark der Meeresspiegel in den nächsten 100 Jahren im Worst-Case ansteigen wird. Auch wenn Horrorzahlen von fünf Metern nur von wenigen Experten als plausibel angesehen werden, könnte es für viele Küstenregionen eng werden. Die einzige Abhilfe verspricht eine signifikante Reduktion der Treibhausgas-Emissionen.

Erstaunlicherweise hat sich das Energiekonzept der Bundesregierung trotz Energiewende nur wenig verändert. Immerhin gilt es, in den nächsten elf Jahren zusätzlich gut 20 Prozent Kernenergiestrom zu ersetzen und gleichzeitig die Kohlendioxid-Emissionen um mindestens 20 Prozent zu reduzieren.

Möchte man sich wirklich von der Kernenergie verabschieden, sind größere Anstrengungen als bisher erforderlich. Trotz aller nicht verantwortbaren Risiken haben die in Ungnade gefallenen Meiler einen unbestreitbaren Vorteil: Ihr Strom ist weitgehend kohlendioxidfrei. Ohne ein neues Energiekonzept könnte der Klimaschutz bei der Stromversorgung auf der Strecke bleiben.

Verhaltener Ausbau

Nach den Zielen der Bundesregierung soll der Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung von 17 % im Jahr 2010 nur auf mindestens 35 % im Jahr 2020 ansteigen. Das würde zwar gerade so reichen, um rechnerisch die wegfallende Kernenergie zu ersetzen. Für den zum Klimaschutz dringend benötigten Ersatz fossiler Kraftwerke bietet dieser verhaltene Ausbau aber keinerlei Spielraum.

Der Anteil fossiler Kraftwerke soll sich mit dem aktuellen Energiekonzept in Deutschland wenig ändern (Prognose: gleichbleibender Verbrauch, Kernenergieausstieg bis 2023 und 35 % Regenerative bis 2020).
Der Anteil fossiler Kraftwerke soll sich mit dem aktuellen Energiekonzept in Deutschland wenig ändern (Prognose: gleichbleibender Verbrauch, Kernenergieausstieg bis 2023 und 35 % Regenerative bis 2020).

Dabei ist sogar fraglich, ob ein regenerativer Anteil von 35 Prozent mit der aktuellen Energiepolitik überhaupt zu erreichen ist. Hierzu müsste nämlich der Zuwachs der letzten Jahre bei der regenerativen Stromerzeugung mindestens verdoppelt werden. Statt folgerichtig die Konditionen für erneuerbare Energien zu verbessern, sieht die EEG-Novelle hingegen für die meisten regenerativen Kraftwerke leichte Verschlechterungen vor. Die Vergütung für Windkraftanlagen an Land sinkt in den kommenden Jahren schneller als bisher und für die Photovoltaik soll der jährliche Zubau von 7,4 GW im Jahr 2010 dauerhaft unter 3,5 GW gedrückt werden. Wie das die Energiewende beschleunigen soll, bleibt schleierhaft.

Lediglich für Offshore-Windkraftanlagen wurden die Bedingungen verbessert. Doch im Jahr 2010 deckten Offshore-Windparks gerade einmal 0,03 Prozent des Bruttostromverbrauchs. Die vergleichsweise geringen Installationskapazitäten machen es deswegen mehr als unwahrscheinlich, dass die Offshore-Windenergie in absehbarer Zeit zum Taktgeber der Energiewende werden kann.

Verzögerungen vorprogrammiert

Für sehr große Offshore-Windkraftleistungen müssen außerdem noch die nötigen Leitungskapazitäten geschaffen werden, um den Strom weit ins Landesinnere zu transportieren. Auch wenn der Netzausbau beschleunigt werden soll, ist eine Verzögerung der nötigen Stromtrassen durch Widerstände der Bevölkerung bereits vorprogrammiert.

Eine weitere Herausforderung ergibt sich durch die Fluktuationen der regenerativen Kraftwerke. 20 Prozent zusätzlicher Strom aus regenerativen Kraftwerken können nicht ohne weiteres 20 Prozent Kernenergiestrom ersetzen. Wenn nachts wenig Windangebot vorhanden ist, müssen entweder Speicher oder übergangsweise noch fossile Kraftwerke die Versorgung sicherstellen.

Derzeit wird vor allem über den Neubau von Erdgas- und Kohlekraftwerken diskutiert. Gerade Kohlekraftwerke haben aber eine verheerende Klimabilanz. Im Vergleich zu modernen Gaskraftwerken entsteht bei ihnen mehr als doppelt so viel Kohlendioxid. Außerdem sind Kohlekraftwerke wesentlich schlechter regelbar und damit als Reservekraftwerke bestenfalls zweite Wahl. Der Grund für die neue Liebe zur Kohle ist vermutlich in den Bemühungen entsprechender Lobbygruppen zu finden.

Dem Klimaargument wird mit der CCSTechnologie Paroli geboten. Hierbei soll das Kohlendioxid abgetrennt und unter Tage endgelagert werden. Dass sich die CCSTechnologie durchsetzen wird, ist allein schon wegen der hohen Kosten mehr als fraglich. Zudem sind unterirdische Kohlendioxidlagerstätten ähnlich beliebt wie atomare Endlager.

Für eine ernst gemeinte Klimapolitik kämen daher nur neue Gaskraftwerke in Frage. Diese hätten zudem den Charme, dass sie später einmal mit Wasserstoff oder Methan betrieben werden könnten, das aus Überschüssen von regenerativen Kraftwerken gewonnen wird.

Klimaschutz geht auch mit Kernenergieausstieg

Die Aussichten für eine wirkliche Energiewende sind alles in allem mehr als ernüchternd. Dabei schließt der Kernenergieausstieg das Einhalten der Klimaschutzziele überhaupt nicht aus. Dazu müsste man lediglich einen regenerativen Anteil bis 2020 in der Größenordnung von 50 Prozent anstreben.

Die einzig realistische Option, um einen derart großen Zubau zu realisieren, wäre ein massiver Ausbau der Photovoltaik und der Windkraftnutzung an Land. Im Gegensatz zur Offshore-Windenergie ließen sich hier sehr schnell die nötigen Aufstellungszahlen erreichen. Eine moderate Verbesserung der Bedingungen im EEG würde dafür ausreichen. Damit wäre dann aber nicht nur der Wechsel der Versorgungsart, sondern auch der Versorger vorprogrammiert. Genau dies ist aber offensichtlich politisch nicht gewünscht.

Bei kleineren dezentralen Photovoltaik- und Windkraftanlagen konkurrieren die großen Energieversorgungsunternehmen mit Privatinvestoren, die sich mit Renditen von 6 bis 8 Prozent zufrieden geben. Für die Energieriesen gelten aber erst Investitionen mit zweistelligen Renditen als wirklich interessant. Die derzeitige Fokussierung auf die Offshore-Windenergie ist daher als Entgegenkommen an die gebeutelten Energieversorger zu verstehen. Aufgrund der Projektgröße bleiben sie hier auch künftig weitgehend unter sich. Auch der Bau neuer großer Kohlekraftwerke wäre weiterhin eine Domäne der großen Versorger.

Weniger Leitungen bei dezentralen Lösungen

Für das schnelle Umsetzen einer klimafreundlichen, dezentralen, regenerativen Energieversorgung wären hingegen kleinere dezentrale Gaskraftwerke und dezentrale Speicher als Backuplösung optimal geeignet. Doch auch diese Alternativen gingen wieder zu Lasten der Marktanteile der großen Versorger.

Dezentrale PV- und Windkraftanlagen lassen sich schnell zubauen und können mit dezentralen Speichern und Erdgaskraftwerken eine hohe Versorgungssicherheit erreichen. Später kann regeneratives Methan das Erdgas ersetzen.
Dezentrale PV- und Windkraftanlagen lassen sich schnell zubauen und können mit dezentralen Speichern und Erdgaskraftwerken eine hohe Versorgungssicherheit erreichen. Später kann regeneratives Methan das Erdgas ersetzen.

Um bereits in den nächsten Jahren die nötigen Speicherkapazitäten zu schaffen, kommen derzeit eigentlich nur Batteriespeicher in Frage. Andere Technologien wie Druckluftspeicher oder Methanisierungsanlagen haben momentan noch nicht die volle Marktreife erlangt, bieten aber mittelfristig ein großes Potenzial. Als positiver Nebeneffekt würden bei einer dezentraleren Lösung auch weniger Leitungsneubauten benötigt.

Allen politischen Bekenntnissen zum Trotz werden wir schon bald wieder um ein neues Energiekonzept ringen. Mit der aktuellen Energiepolitik wird sich der versprochene Kernenergieausstieg bei gleichzeitigem Klimaschutz kaum realisieren lassen. Wir haben in den letzten Monaten zwar viele Revolutionen im Energiebereich präsentiert bekommen. Auf eine Revolution mit einem schlüssigen Konzept müssen wir aber offensichtlich immer noch warten.


Volker Quaschning


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